Tempus fugit ...
Gustav saß in der Regenrinne, während Jost van Bakken auf seiner Terrasse in der Abendsonne in aller Ruhe einen Espresso schlürfte.
»Gustav, was singst Du heute wieder schön!«, sagte er und blickte zu der Amsel, die hoch über seinem Kopf tirilierte und die wundersamsten Melodien erfand.
Es war nicht irgendeine Amsel – davon war Jost überzeugt –, sondern Gustav. Schließlich kannte er die ganze Amselfamilie schon seit Jahren. Unvergessen waren die ersten Flugversuche der Amselkinder, die im letzten Frühling in der Obhut des Weinstocks an der Hauswand aufgewachsen waren. Jost lächelte und räkelte sich bequem in seinem Sessel.
Er erkannte Gustav auch an seiner unnachahmlichen Kompositionsweise. Manchmal kam es Jost so vor, als hätte Gustav ihn bereits während des Musikstudiums in der Dachrinne des Konservatoriums begleitet. Denn Gustav verstand es meisterhaft, in seinen Gesängen Motive klassischer Sinfonien zu zitieren und er wählte dafür meistens genau die Stellen, auf die ein Schlagzeugeinsatz folgte. Je nachdem, welche Sinfonie Gustav gerade einfiel, bekam Jost ganz feuchte Hände, weil ein besonders heikler Einsatz folgte, bei dem er schon von der bloßen Vorstellung Lampenfieber bekam.
Jost liebte seinen Beruf über alle Maßen, aber das Lampenfieber würde er wohl auch mit zunehmender Erfahrung nicht mehr loswerden. Er war bei einer Aufführung von Anton Bruckners achter Sinfonie sogar einmal so nervös geworden, dass er im langsamen Satz nach dem minutenlangen, riesigen Orchestercrescendo, auf das er mit seinem Fortissimo-Beckenschlag das I-Tüpfelchen setzen sollte, aufstand, den Dirigenten anblickte, der ihm aber – ganz selbstversunken – keinen Einsatz gab, die Becken hochnahm, ausholte, sich dann aber doch nicht mehr sicher war, dass er an der richtigen Stelle einsetzen würde und sich unverrichteter Dinge wieder hinsetzte.
Er hatte wahrscheinlich zu angestrengt seine Stimme verfolgt, in der es auf der entsprechenden Seite kaum Noten gab, da er in diesem Satz nur das Becken-Solo zu spielen hatte. Er starrte also auf das fast leere Blatt, zählte die Pausen im Takt – 'Eins, zwei, drei, vier - Zwei, zwei, drei, vier - Drei, zwei, drei, vier ... Zwanzig, zwei, drei, vier - Einundzwanzig, zwei, drei, vier ... Bin ich noch richtig? Wieso spielt die Klarinette schon?' – und sah auf die vereinzelten Stichnoten, die ihm zur Orientierung markante Einsätze seiner Kollegen anzeigten, damit er nicht vollends den Überblick verlor.
An diesem Abend half ihm das alles nicht. Er war verloren, wusste nicht mehr, in welchem Takt er war, zählte, schaute zum Dirigenten, versuchte, die Noten in der Stimme mit dem Gehörten in Einklang zu bringen. Das Orchester wurde wie ein Uhrwerk Schritt für Schritt, Takt für Takt, Sekunde für Sekunde lauter. Er stand auf, schaute in die Noten, sah plötzlich verschwommene schwarze Punkte über das Blatt tanzen, fühlte seinen Puls rasen, hatte ein Rauschen in den Ohren als stünde er nicht im Konzertsaal, sondern im Wald, die Musik wurde lauter, noch lauter, immer lauter, bis ... der Moment seines Einsatzes auch schon vorbei war, die Kollegen weiterspielten und er sich betreten wieder auf seinen Stuhl setzte.
Der Patzer hätte ihm normalerweise nur den Spott der Kollegen eingebracht und ihn eine Runde Bier nach dem Konzert gekostet, denn das Becken-Solo kommt in der üblicherweise gespielten Sinfoniefassung gar nicht vor, so dass das Publikum es wahrscheinlich nicht einmal vermisst hatte, wenn nicht ausgerechnet an diesem Abend der Brucknerspezialist und Kritikerpapst Hans-Henning Quantz dem Konzertereignis beigewohnt hätte. Dieser hatte das Konzert – wie immer in der Partitur mitlesend –verfolgt und fühlte sich in seiner Kritik ob des Patzers zu der Bemerkung bemüßigt, seines Wissens nach würden bei der Post noch Leute gesucht. Für den gewissenhaften Jost wurde der Vorfall so zu einem traumatischen Ereignis, das er lange Zeit nicht hatte überwinden können.
Mittlerweile versuchte er, sich durch eine ausgesprochen großzügig bemessene Vorbereitungszeit und Entspannungsübungen vor den Konzerten zu beruhigen, um sein Lampenfieber in erträglichen Ausmaßen zu halten. Deshalb hatte er in seiner freien Woche auch nur diesen einen Aushilfsdienst angenommen, um gemütlich zu den Proben und zum Konzert anreisen zu können. Er musste 80 Kilometer fahren und war auf den Zug angewiesen – ein Verkehrsmittel, das in seiner Region ohnehin jedem, der einen Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt erreichen wollte, höchste Ausgeglichenheit und das seelische Gleichgewicht eines buddhistischen Mönches abverlangte. Jost nahm grundsätzlich einen, am liebsten sogar zwei Züge vor demjenigen, der planmäßig zur rechten Zeit ankommen würde. Lieber ging er auf Nummer sicher, nutzte die Fahrtzeit für sein autogenes Training und die Zeit, die er zu früh im Konzertsaal eintraf, zur Vorbereitung.
So hatte er auch am heutigen Konzerttag genügend Zeit eingeplant, um nach dem Mittagessen ein Schläfchen halten und danach noch gemütlich einen Espresso genießen zu können. Jetzt war es ihm natürlich fast schon zu gemütlich, denn er konnte sich kaum trennen von seiner Gartenidylle und dem gefiederten Kollegen. Er hatte an diesem Abend ja auch nur das Stück nach der Konzertpause zu spielen, könnte also heute ausnahmsweise auch später aufbrechen ... dann wäre er zwar nicht eine halbe Stunde vor Konzertbeginn, aber immer noch eine Stunde vor der zweiten Konzerthälfte da. Das würde er sich ausnahmsweise gönnen! Er blickte hinauf zu Gustav, der noch immer in der Regenrinne saß und ihn seinerseits mit schiefgelegtem Kopf betrachtete.
»Na«, fragte Jost, »hast du dein Konzert schon beendet? Oder ist gerade Pause? Dann hol ich mir noch schnell ein Stück Schokolade«.
Als er zurückkehrte war Gustav verschwunden. Am Himmel zogen Gewitterwolken auf.
Jost erreichte den Bahnhof pünktlich, noch vor dem Gewitter, das sich jetzt donnernd ankündigte und es war sogar noch Zeit, um am Kiosk eine Zeitung zu kaufen. Er schlenderte zum Gleis und warf einen Blick auf die Anzeigentafel. In gelben Lettern prangte ihm 5min Verspätung entgegen.
„Na ja, das Übliche“, seufzte Jost und widmete sich der Zeitung.
»Wann, bitte, geht der Zug?«, sprach ihn die junge Frau neben ihm an.
Vertieft in seine Lektüre, blickte er kaum hoch und erwiderte:
»Eigentlich in zwei Minuten, aber wie Sie sehen, sind schon fünf Minuten Verspätung angezeigt.« –
»Vielen Dank, das konnte ich nicht wissen. Verspätungen von fünf Minuten werden ja kaum noch angesagt«, antwortete die junge Frau höflich.
Verdutzt schaute Jost sie in diesem Moment zum ersten Mal an. Als er den zusammengelegten weißen Stock in ihrer Hand sah, wurde er sich gleich des Fettnapfes bewusst, in dem er gerade stand.
»Verzeihen Sie vielmals, ich war unaufmerksam. Kann ich Ihnen nachher beim Einsteigen behilflich sein?« –
»Ja, das wäre sehr nett von Ihnen. Manchmal fahren die Züge in umgekehrter Reihenfolge, dann finde ich den richtigen Waggon nicht und bin froh, wenn ich mir zwei Augen leihen kann«, lachte die junge Frau.
Jost war es natürlich gar nicht recht, sich nun dieser Situation ausgesetzt zu sehen. Er fühlte sich peinlich berührt und genötigt, eine Unterhaltung mit der jungen Frau zu beginnen, die dann aber womöglich die ganze Zugfahrt lang dauern würde. Dennoch war der Wunsch, seinen Fauxpas wieder gutzumachen, stärker als die Befürchtung, das Ritual seiner Zug-Entspannungsübungen aufgeben zu müssen.
Gerade wollte er die junge Frau ansprechen, als es blitzte und ohrenbetäubend donnerte. Im selben Moment ergoss sich wie aus Kübeln ein Platzregen. Sofort kam Bewegung in die Wartenden und alle rannten unter die Gleisüberdachung, die vor dem seitlich peitschenden Regen allerdings kaum Schutz bot.
Glücklicherweise stand Jost in der Nähe des Aufzugs, in dessen Eingang er sich gerade flüchten wollte, als er sah, wie die junge Frau, irritiert durch das plötzliche Gedränge, nahe der Gleiskante stehen blieb. Er wandte sich um, ergriff ihren Arm und sagte:
»Kommen Sie, wir stellen uns beim Aufzug unter.«
Dankbar nickend ließ sie sich dorthin dirigieren, wo sich die übrigen Mitreisenden nun auch schon drängten.
Die Wartenden – gleich einer vom Hund zusammengetriebenen Schafherde – hatten kaum Platz gefunden, als der Lautsprecher den einfahrenden Zug ankündigte, der kurz darauf an ihnen vorbeirauschte und erst so spät anhielt, dass ihm die Fahrgäste unter Fluchen hinterher rennen mussten. Jost nahm den Arm der jungen Frau:
»Der Lokführer möchte, dass wir noch etwas für unsere Gesundheit tun. Schaffen Sie einen kleinen Dauerlauf mit mir zusammen?«
Wieder nickte sie und gemeinsam trabten sie zur Tür des letzten Waggons, an der sich die durchnässten Einsteigenden ins Gehege mit den ebenfalls fluchenden Aussteigenden kamen. Tropfnass fanden Jost und seine Begleiterin schließlich Einlass. Jost blickte sich um und entdeckte weiter hinten im Abteil noch freie Plätze.
»Es ist unser Glückstag heute, da hinten ist noch was frei, wollen wir uns durchkämpfen?«, fragte er. Die junge Frau schüttelte den Kopf und antwortete:
»Wenn Sie mich einfach zum Behindertenplatz bringen könnten. Sie dürfen als Blindenhund dann auch neben mir sitzen«.
Jost begann innerlich schon die Diskussion mit dem jungen Paar, das gerade auf den reservierten Sitzen nahe des Eingangs Platz genommen hatte, als dieses freundlich nickend aufstand und sich wortlos in den hinteren Teil des Wagens verzog.
»Es scheint wirklich ein Glückstag zu sein heute«, murmelte Jost als sie sich setzten. Er warf einen Blick auf seine Uhr und dachte beruhigt:
‚Na, das ist ja noch glimpflich abgegangen trotz des Durcheinanders. Nur sieben Minuten Verspätung, das reicht ja noch locker’.
Er fasste sich ein Herz und sagte zu seiner Begleiterin:
»Entschuldigen Sie, ich will nicht unhöflich sein, aber ich muss mich noch auf mein Konzert heute Abend vorbereiten und kann mich daher nicht mit Ihnen unterhalten.«
Sie lächelte und erwiderte: »Das ist doch kein Problem. Ich hätte eine Unterhaltung mit einem Blindenhund auch gar nicht erwartet.«
Wieder fühlte sich Jost beschämt. Ohne sie hätte er wohl kaum so problemlos Platz nehmen können und er würde sehr wahrscheinlich für sein autogenes Training jetzt sowieso nicht so schnell zur Ruhe kommen. Aber nun hatte er es ausgesprochen und glücklicherweise wollte sie sich ja auch nicht unterhalten.
Er schloss die Augen und versuchte, sich inmitten des Stimmengemurmels zu konzentrieren: ‚Ich bin ganz ruhig. Mein rechter Arm wird schwer. Mein rechter Arm wird warm. Mein rechter Arm ist warm und schwer.’
Wider Erwarten funktionierte es und Jost entspannte sich. Sogar so sehr, dass er kaum bemerkte wie sich die Fahrt des Zuges verlangsamte. Selbst als sie auf halber Strecke stehen blieben, murmelte Jost in Gedanken noch sein Mantra, aus dem er erst erwachte, als eine leise nuschelnde Stimme aus den Lautsprechern drang:
»Auf… örung … erfahrt … en«.
Er schreckte hoch und blickte zu seiner Begleiterin, die unverändert, mit leichtem Lächeln auf den Lippen, neben ihm saß.
»Was hat er gesagt?«, fragte er sie.
»Aufgrund einer Weichenstörung verzögert sich die Weiterfahrt um wenige Minuten«, kam prompt ihre freundliche Antwort.
»Das kann doch kein normaler Mensch verstehen!«, entfuhr es Jost. Kaum hatte er es ausgesprochen, hielt er sich die Hand vor den Mund, doch sie lächelte nur. Jost blickte auf die Uhr:
Es war genau acht. In diesem Moment begann das Konzert.
Nach zehn Minuten Stillstand auf der Strecke regte sich Unmut im Abteil. Alle warteten auf eine weitere Durchsage und mussten angestrengt lauschen, um sie nicht zu verpassen. Nach weiteren fünf Minuten war es so weit. Jost versuchte gar nicht erst, die Botschaft zu entziffern, er verließ sich auf seine Dolmetscherin, die nach der Durchsage übersetzte:
»Aufgrund eines Stellwerkfehlers verzögert sich unsere Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit, wir bitten um Verständnis.«
Jost blickte sie fassungslos an:
»Wir bitten um VERSTÄNDNIS??? Auf UNBESTIMMTE Zeit???«
Er spürte, wie seine Hände feucht wurden und sein Pulsschlag sich erhöhte.
»Das darf doch nicht wahr sein, es ist viertel nach acht, wir hätten jetzt schon da sein sollen! Hat er wirklich gesagt auf unbestimmte Zeit? Sind Sie SICHER?«
Sie blickte nun besorgt in seine Richtung und sagte:
»Ja, das habe ich verstanden. Es tut mir leid.« –
»Ihnen braucht nichts leid zu tun. Sie können ja nichts dafür. Aber ich muss zum Konzert!«
Die junge Frau fragte:
»Wann müssen Sie denn da sein?«
Er blickte verzweifelt auf seine Uhr und sagte:
»Das Konzert hat um acht angefangen und ich bin nach der Pause dran.« –
»Wie viel Zeit haben Sie denn noch?« –
»Die erste Hälfte dauert noch eine halbe Stunde, dann sind zwanzig Minuten Pause, ich brauche mindestens fünf Minuten zum Saal und muss mich noch umziehen. Wenn wir nicht bald weiterfahren schaffe ich es nicht! Das darf alles nicht wahr sein!«
Er starrte wie paralysiert auf seine Uhr, dann flüsterte er:
»Ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Ich muss Bescheid sagen …«
Er fingerte in der Jackentasche nach seinem Handy, suchte hektisch in den eingespeicherten Nummern, wählte und wartete darauf, dass das Gespräch zustande kam. Stattdessen hörte er die Mailbox-Ansage des Orchesterdisponenten.
»Mist, er sitzt wahrscheinlich im Konzert. Jetzt muss ich bis zur Pause warten.«
Wieder starrte Jost auf seine Uhr: zwanzig nach acht.
Wie lange dauerte die erste Konzerthälfte wohl? Bis viertel vor neun? Oder bis zehn vor neun, wenn die Solistin noch eine Zugabe spielte? Minuten, die ihn gegebenenfalls retten würden, um noch rechtzeitig zum Saal zu kommen, die er aber jetzt abwarten musste, bis er jemanden erreichen konnte. Er hypnotisierte die Zeiger der Uhr und trommelte gleichzeitig nervös mit den Fingern auf der Ablage unter dem Fenster. Plötzlich legte die junge Frau ihm ihre Hand auf den Arm und sagte:
»Sie werden noch rechtzeitig kommen, es geht bestimmt gleich weiter.«
Jost stöhnte gequält auf:
»Wenn Sie das sagen …« – ‚Sibylle’
, fügte er – dieses Mal allerdings nur in Gedanken – hinzu.
Er war viel zu nervös für eine Unterhaltung, starrte auf die Uhr, drückte die Wahlwiederholung, hörte wieder und wieder verschiedene Mailbox-Ansagen, denn auch seine Kollegen waren für ihn jetzt nicht erreichbar. Seine letzte Hoffnung ruhte auf Manni, den er hoffte, bei seiner Pausenzigarette vor dem Konzertsaal zu erwischen.
Mittlerweile war es halb neun. In einer dreiviertel Stunde musste er auf die Bühne. Sie waren noch eine halbe Stunde vom Hauptbahnhof entfernt, mindestens fünf Minuten brauchte er, um zum Saal zu rennen, dann noch umziehen – sein Magen krampfte sich zusammen. Wenn es jetzt nicht sofort weitergehen würde … da setzte sich – wie durch ein Wunder – der Zug wieder in Bewegung.
»Na, Gott sei Dank!«, war Josts Beitrag zum allseitigen Gejohle und Applaus im Waggon.
»Sehen Sie, nun schaffen Sie es doch!«, sagte die junge Frau.
‚Sibylle, du hast Nerven!’, dachte Jost und sagte: »Klar, ist doch mein Glückstag heute!«.
Sein Blick war immer noch auf das Zifferblatt seiner Uhr geheftet, wieder und wieder überschlug er die verbleibenden Minuten. Er hatte sein Konzerthemd schon an, es war auch schon fast wieder ganz trocken, dann musste er nur schnell in den Frack schlüpfen … Ein weiteres Mal drückte er die Wahlwiederholung und flehte innerlich: 'Mensch, Manni, HEB AB!'
Als er keuchend um zehn nach neun den Künstlereingang der Philharmonie erreichte, hielt ihm der Pförtner bereits grinsend die Tür auf. Jost stürzte die Treppe Richtung Künstlerfoyer hinab und fiel seinem Kollegen Manni fast in die Arme, der am Ende der Stufen mit seinem Frack auf ihn wartete. Die Durchsage »Achtung! Orchesterauftritt!« nahm er wie in Trance wahr. Zu sehr musste er sich darauf konzentrieren, auf dem Weg zur Bühne im Dauerlauf die Hose zuzuknöpfen und gleichzeitig dem Dirigenten zuzunicken, der dort bereits wartete und ihn mit einem abfälligen Kopfschütteln bedachte.
»Nimmste nächstes Mal 'nen Zug früher, wa?«
Die Worte des Orchesterwarts waren das Letzte, was Jost hörte, bevor sich die Saaltür hinter ihm schloss.
Nach der zehnten Bemerkung seiner Kollegen hatte er aufgehört zu zählen und die hämischen Sprüche nur noch mit Freibier zu bekämpfen versucht. Wieder und wieder wurde er nach dem Konzert an der Theke aufgefordert:
"Jost, erzähl doch noch mal, wie war das denn jetzt genau? Wann bist du noch mal losgefahren?"
Schließlich ergab er sich in sein Schicksal, lächelte nur noch verlegen, ließ sich auf die Schulter klopfen und war dankbar für jede Anekdote, die ein anderer zum Thema beizutragen wusste. Und doch fühlte er sich nach diesem Konzert ganz seltsam gelöst, obwohl er gleichzeitig schon wieder ständig auf die Uhr sah, um den letzten Zug nach Hause nicht zu verpassen.
Als er sich schließlich schnellen Schrittes auf den Weg machte, klangen die fröhlichen Stimmen und das Gelächter seiner Kollegen auf dem Weg zum Bahnhof noch in ihm nach. Er ertappte sich sogar dabei, dass er die Melodie vor seinem Einsatz pfiff und wunderte sich, warum er dieses Mal kein komisches Gefühl in der Magengegend verspürte.
"Tja, Gustav, so leicht wirst du mich nicht mehr aus der Fassung bringen", dachte er, als er beschwingt die letzten Stufen zum Gleis hinauflief. Oben angekommen, hörte er gerade noch das Ende der Durchsage: " … fährt heute abweichend auf Gleis 10 ein". Er verdrehte die Augen und wollte gerade auf dem Absatz kehrtmachen, als er in der Menge der Reisenden, die ihm am Treppenabsatz entgegenströmte, ein schabendes Geräusch am Boden vernahm. Sie hielt mit ihrem weißen Stock direkt auf ihn zu und versuchte, im allgemeinen Gedränge ihren Weg nicht zu verlieren.
"Wie schön, Sie zu sehen! Darf ich Ihnen meine Augen noch mal leihen?", sprach Jost sie an und setzte noch ein fröhliches "Wuff, wuff" hinterher. Sie stutze einen kurzen Moment, bevor sie lachte und sagte:
"Ach, mein musikalischer Blindenhund ... aber ja, Hasso, sehr gerne!"
© be|es|ha 2009



